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Unfuck the economy - jetzt erst recht

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Waldemar Zeiler
Founder, Actor & Chief Executive Unicorn at einhorn products

Vor ein paar Tagen mussten wir schweren Herzens das geplante Demokratiefestival am 12.06.2020 im Olympiastadion final absagen. Vielleicht erinnert sich der/die eine oder andere an die verrückte crowdfunding Phase kurz vor Weihnachten. Es galt 1.8 Millionen EURO zu sammeln, damit wir alle zusammen, über 70.000 Menschen, das Olympiastadion mieten können, um gemeinsam an Lösungen für die dringendsten Probleme unserer Zeit - Klima/Biodiversitätskrise, soziale Ungerechtigkeit und ein Demokratie Update - zu arbeiten. Diese Veranstaltung gab nicht nur mir die letzte Hoffnung, in 2020 politisch ein starkes Signal setzen zu können. Der Rest ist Corona.

Das Tragische an der Situation ist, dass Corona die Schwächen in unserer Gesellschaft, Politik und Wirtschaft nochmals drastisch und klar offengelegt hat, wie einem dieser Dummy Bücher, für jede/n verständlich.

Corona hat direkt etwas mit der Klima und Biodiversitätskrise zu tun und weitere Pandemien werden durch die Ausbeutung der Natur noch wahrscheinlicher. Soziale Ungerechtigkeit wird deutlicher denn je, weil wir durch Corona erkennen, welche Berufe tatsächlich systemrelevant sind und trotzdem wenig Anerkennung genießen und schlecht bezahlt sind. Politisch gesehen bietet Corona Chancen und Risiken. Einen solchen Ausnahmezustand nutzen manche Machthaber, wie zb in Ungarn schon gern mal, um ihre Macht und autoritäre Strukturen weiter zu verfestigen. Auf der anderen Seite sind auf einmal ungeahnte Mittel frei und ein unglaublicher politischer Wille, Dinge schnell zu ändern, der in den Monaten vor Corona unmöglich schien - beispielsweise in der Klimakrisendiskussion.

Und doch sind wir als BürgerInnen gerade politisch lahmgelegt. Demonstrationen sind so gut wie unmöglich und unsere Kapazitäten für politisches Engagement sind sowieso erschöpft durch "home office" inkl. Kinderbetreuung (siehe #elterninderkrise #coronaeltern), finanzielle Sorgen und bei vielen sogar durch einen zermürbenden Existenzkampf.

Trotz aller widrigen Umstände müssen wir uns jetzt als BürgerInnen einbringen, weil das Fundament für die Welt von Morgen gerade gebaut wird. Wenn wir dieses Fenster verpassen, uns einzumischen, könnten wieder unzählige Jahre im Kampf gegen die Klimakrise und soziale Ungerechtigkeit verlieren, die wir nicht haben.

Wo also ansetzen? Die Wirtschaft ist aktuell der Schlüssel aus meiner Sicht. Gesundheit spielt natürlich gerade eine größere Rolle aber der Fokus der Politik wird sich in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren vermutlich hauptsächlich auf die Wirtschaft konzentrieren. Die Corona-Krise wird wahrscheinlich die größte Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg auslösen und abhängig von der Dauer des Kampfes gegen Corona/Covid19, könnte sie sogar zur größten Wirtschaftskrise aller Zeiten führen.

Wie in jeder Wirtschaftskrise werden viele Regierungen Milliarden aufwenden, um die Wirtschaft wiederaufzubauen. Schon jetzt hat der Bund beispielsweise einen Schutzschirm über 353,3 Mrd. gespannt aka die „Bazooka“ rausgeholt. Zum Vergleich: Nach der Finanzkrise nahm der damalige Bundesfinanzminister rund 44 Milliarden Euro Schulden auf. Und genau da, tut sich eine riesengroße Chance auf.

Aber welche Wirtschaft wollen wir mit soviel Geld, unserem Steuergeld, eigentlich wieder aufbauen? Es ist ja nicht so, dass die Wirtschaft vor Corona optimal war. Nur mal zur Erinnerung: Sie verbrauchte mehr Ressourcen als wir auf unserem Planeten zur Verfügung haben.

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Die Wirtschaft vor Corona steuerte uns direkt in eine noch viel größere Krise: die Klimakrise. Sie wird uns noch viel größeres Leid (siehe Waldbrände in Brasilien und Australien) bringen und Teile unserer Erde unbewohnbar machen und ca. 200 Millionen Menschen bis 2040 in die Flucht treiben, wenn wir so weitermachen wie zuvor. Bis Mitte des 21 Jahrhunderts würden bis zu eine Million größerer und bekannterer Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Das ist das größte Artensterben seit dem durch einen Meteoriteneinschlag ausgelösten Aussterben der Dinosaurier. Die Artenvielfalt ist aber ein einzigartiger biologischer Schatz, auf den wir alle angewiesen sind. Auf ihm basiert unsere Ernährung (z.B sauberes Wasser, gesunde Böden und Bestäuber-Dienstleistungen für unsere Nahrungsmittel).

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Die Wirtschaft vor Corona vermüllte unseren Planeten, so dass wir u.a. bis 2050 vermutlich mehr Plastik im Meer hätten als Fische.

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Die Wirtschaft vor Corona befeuerte die Ungleichheit, so dass 26 Menschen die Hälfte allen Vermögens auf der Welt besitzen und die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergehen würde. (Tendenz steigend)

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Die Wirtschaft vor Corona war nicht mal besonders wirtschaftlich. Der globale Marktwert unserer Ernährung z.B. wird auf 10 Billionen /Jahr geschätzt. Dem gegenüber stehen versteckte Kosten von 12 Billionen/Jahr. In Deutschland stehen in der Landwirtschaft 21 Milliarden Umsatz etwa 90 Milliarden Kosten gegenüber (BCG).

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Die Wirtschaft vor Corona war auch nicht sonderlich repräsentativ und schon gar nicht divers. Obwohl Frauen sogar knapp die Hälfte unserer Bevölkerung ausmachen, 3 von 4 Frauen (erwerbs-)arbeiten, ist nur jedes 10. Vorstandsmitglied weiblich. 2018 fand die Albright Stiftung (siehe Bild) zudem heraus, dass es mehr Thomasse in deutschen Dax Vorständen gab als Frauen (siehe Bild). Bei Start-Ups bestehen die Gründerteams nur zu 4% aus rein weiblichen Gründerinnen. Laut einer BCG Studie entgehen durch diese Ungleichheit bei den Gründerteams der globalen Wirtschaft 2,5-5 Billionen Dollar.

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Sind wenigstens die Menschen, die diese Wirtschaft vor Corona am Leben erhalten haben glücklich? Da lohnt sich ein Blick auf eine große Studie von einer der größten gesetzlichen Krankenversicherungen Deutschlands. Überlastung, Depression, Angststörung: Dreimal mehr Arbeitnehmer werden wegen psychischer Probleme krankgeschrieben als noch vor 20 Jahren. Über den Gesamtzeitraum dieser DAK-Untersuchung hinweg fehlten Arbeitnehmer am häufigsten wegen der Diagnose Depression.

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Interessant ist auch ein Blick auf die jährliche Gallup Studie zum Grad der emotionalen Bindung der ArbeitnehmerInnen zu ihrem Unternehmen. 2019 haben 16% schon innerlich gekündigt und 69% machen Dienst nach Vorschrift. Gerade mal 15% fühlen sich verbunden zu ihrem Unternehmen. Der volkswirtschaftliche Schaden allein der 16% innerlich Gekündigten wird auf 122 Mrd. EUR geschätzt.

Wirtschaft ist letztlich nichts anderes als die Verabredung von Menschen, wie sie einen zweistelligen Prozentanteil ihrer nicht schlafenden Zeit aka Arbeit miteinander verbringen wollen, welche Rollen sie dabei einnehmen wollen und wie sie die Früchte ihrer Arbeit untereinander aufteilen wollen. Nach Corona, wäre eine gute Zeit diese Verabredungen, die Beziehungen der verschiedenen stakeholder, ihre Arbeitsweisen etc. neu auszuhandeln und diesmal den Wert der Früchte mehr am Wert für die Gesellschaft zu orientieren.

Bedenkt man zusätzlich welche vereinfachten Erfolgsindikatoren aka Wegweiser, der Wirtschaft vor Corona zur Verfügung standen in einer hochkomplexen Welt, so ist die Entwicklung vielleicht gar nicht verwunderlich. Vor allem Wirtschaftswachstum in Form von BIP führte dazu, dass die Fortschrittsampel auf rot, gelb oder grün schaltete und die Wirtschaft und Politik entsprechend nachjustierte.

Dass die Ampel auch grün anzeigte, wenn zb Bienen aussterben, die uns ihre “Dienstleitungen” zuvor kostenlos anboten, und Unternehmen stattdessen Roboterbienen bauen (wie es Maja Göpel in ihrem neuen Buch "Unsere Welt neu denken" aufzeigt) oder Krankenhäuser und Pflegeheime mehr Rendite einfahren durch das Einsparen von Arbeitskräften, kommt einem spätestens in der aktuellen Corona Krise absurd vor. Auch dass private Pflege und Betreuung (care work) unserer Kinder und Senioren sowie Hausarbeit überhaupt nicht in diese Ampel einfließen, ist schwer nachzuvollziehen. Wieviel Arbeit das wirklich macht, merken wir (Männer hauptsächlich) spätestens jetzt, da wir mit unseren Kindern im „home office“ sitzen. Auch zeigt die Ampel nicht an, was langfristig volkswirtschaftlich Sinn ergibt. Obwohl z.B. damit zu rechnen ist, dass die wirtschaftlichen Schäden infolge eines ungebremsten Klimawandels, die ökonomischen Kosten von Klimaschutzmaßnahmen bei weitem übertreffen werden, handeln wir nicht.

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Die Corona Krise zeigt uns vor allem mal wieder auf, wie fragil unser Wirtschaftssystem vor Corona war. Selbst nach Jahrzehnten von unglaublichem Wirtschaftswachstum, Rekordumsätzen und Gewinnen, Aktienkursen im Höhenrausch, müssen wir schon nach wenigen Wochen seit Ausbruch der Pandemie unsere Wirtschaft massiv finanziell stützen damit sie nicht zusammenbricht. Millionen Menschen sind schon oder werden noch arbeitslos und aufgrund fehlender Rücklagen werden unzählige Unternehmen vermutlich in die Pleite schlittern. All das, weil Menschen nur noch das kaufen, was sie wirklich zum Leben brauchen!?

Die Wirtschaft vor Corona wird nach Corona vermutlich so oder so am Boden liegen und wir Menschen werden das tun, was wir immer tun. Wir werden uns abstauben und bauen sie mit ungeahnten Kräften, unglaublicher lokaler, landesweiter und hoffentlich weltweiter Kooperation wieder auf. Der Staat wird diese unglaubliche Aufbruchstimmung mit Milliarden und weiteren „Bazookas“ unterstützen. Wir haben jetzt die Wahl, ob wir die Wirtschaft vor Corona einfach nur 1:1 wiederaufbauen oder ob wir die oben genannten Nachteile dieser alten Wirtschaft berücksichtigen und wenn wir schon dabei sind, gleich eine neue Wirtschaft bauen und ein echtes Wirtschaftswunder vollbringen. Der Aufwand bzw. das Investment wäre kurzfristig vermutlich etwas größer aber der Ertrag bzw. der return on investment könnte nichts Geringeres sein, als die extreme Abschwächung einer Klimakatastrophe, eine gerechtere Welt und ein signifikanter Anstieg der Zufriedenheit unserer ganzen Menschheit. Denselben Fehler wie zur Finanzkrise, sollten wir jedenfalls nicht nochmal begehen. 2008 wurden die Verursacher der Krise mit Milliarden gerettet, damit sie danach einfach weitermachen wie zuvor. Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren sollte endlich der Vergangenheit angehören.

Lasst uns die Wirtschaft jetzt unfucken! Auch wenn unsere Gedanken gerade vermutlich mit anderen Themen beschäftigt sind, so ist jetzt gerade der richtige Zeitpunkt sich wieder wirtschaftlich und politisch einzumischen und mitzudiskutieren, denn die Karten werden gerade neu gemischt. Es werden sogar die ersten Stimmen laut, aufgrund der aktuellen Krise bereits verabschiedete Klimaschutzbestimmungen wieder zurückzunehmen und das dürfen wir nicht zulassen. So tragisch die Situation auch in vielen Bereichen sein mag, sie bietet auch die Chance für eine bessere Welt.

Aus Gesprächen mit einigen sehr spannenden Menschen, wie z.B. Maja Göpel, Otto Scharmer, Claudine Nierth uvm., unzähligen Büchern von AutorInnen wie z.B. Naomi Klein und Rutger Bregman aber vorallem auch eigenen praktischen Erfahrungen als Gründer und Unternehmer sind aus meiner Sicht insbesondere folgende Fragen zur Diskussion zu stellen:

1.  Wie soll die weitere kurzfristige Verwendung der Milliardenhilfe also unser aller Steuergeld aussehen? Der Staat wird vielen Unternehmen weiter helfen müssen und einige vielleicht sogar verstaatlichen müssen z.b. die Lufthansa oder auch Kreuzschifffahrtsunternehmen. Unter welchen Bedingungen soll dies geschehen? Wer soll/darf darüber entscheiden bzw. wie sollte das Beratungsgremium des Wirtschaftsminesteriums und der Regierung aussehen? Was sollte nicht erlaubt sein, siehe Mietenthematik bei Adidas oder Dividendenausschüttungen bei BMW trotz Kurzarbeit etc. Dänemark z.B. schließt Hilfen für Unternehmen aus, die Dividenden auszahlen, Aktienrückkäufe machen und in Steueroasen registriert sind.

2. Wie soll das Konjunkturpaket zum Wiederaufbau der Wirtschaft aussehen? Wie würde ein "green new deal" für Deutschland/Europa aussehen? Auf welche Branchen sollten wir unseren Fokus setzen und auf welche nicht. Einer von vielen spannenden Ansätzen z.b. kommt von DIEM25. Und wie bereits bei Punkt 1. die extrem wichtige Frage: Wie sollten die Beratungsgremien dazu besetzt bzw. ersetzt werden? Bei der Leopoldina-Empfehlung z.B zur Öffnung von Schulen und Kitas gab es große Kritik, weil sich Eltern vom Leopoldina Beratungsgremium (hauptsächlich männlich und über 60 J.) nicht gut repräsentiert fühlten aber immerhin wussten wir da, von wem sich die Bundeskanzlerin da beraten lässt. Bei der Vergabe unserer Rettungsschirme und Konjunkturpakete fehlt diese Transparenz.

3. Wie können wir das BIP’s als Indikator für eine erfolgreiche und glückliche Gesellschaft/Wirtschaft ersetzen/ergänzen? Ist zb der OECD Better Life Index das bessere tool? Ist das Doughnut Modell, welches gerade in Amsterdam ungesetzt wird eine Alternative? Brauchen wir viel mehr qualitative Faktoren statt rein quantitave?

4. Welche gesetzlichen Anpassungen, vor allem zur Förderung sozialer Gerechtigkeit braucht es? Sind die Früchte der Arbeit gerecht aufgeteilt, insbesondere nach der offensichtlichen Erkenntnis, welche Berufe sich tatsächlich als systemrelevant herausgestellt haben in der aktuellen Krise. Wie könnte eine gerechtere Verteilung umgesetzt werden?

5. Wie kann die Neuaushandlung der Art und Weise wie wir arbeiten und wirtschaften starten und wie würden die Ergebnisse aussehen? Sind Purpose Economy/ Verantwortungseigentum, Gemeinwohlökonomie, U-Theory, new Work needs inner work, gewaltfreie Kommunikation, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, diverse Führungsetagen, Inklusion, Selbstorganisation & co. schon reif für den mainstream? Welche neuen Werte brauchen wir? Woran scheitert es bisher?

 

 

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